Bildung verleiht Flügel

Herbert Bruhn zur Initiative des Bundesministeriums für Bildung im April 2012:

„Ihre Bildungsidee befügelt Deutschland“

 

Sehr verehrte Bildungsministerin,

liebe Kollegin Frau Schavan,

am Freitag sind bei mir viele merkwürdige Mails eingetroffen, unter anderem diese Mail, auf die ich antworten möchte: „Ideen für die Bildungsrepublik“. Sie sagen zu mir:

 

„Ihre Bildungsidee beflügelt Deutschland.“

Da ich ja als Professor für Musik vom Ruf her für Flügel zuständig bin und gerade wieder einen kleinen Yamaha-Flügel gekauft habe, würde ich anbieten, damit zu beginnen. Ein Yamaha-Flügel für Deutschland. Ich würde diesen Flügel nicht verleihen, so etwas tut  Red Bull – nicht Herbert Bruhn. Ich würde den Flügel einfach zur Verfügung stellen – als Idee.

Auf Ihrem Flyer ist ein Daniel-Düsentrieb-Lämpchen – auch mit Flügeln. Es tut seine erleuchtende Wirkung – der erste Flash ist schnell vorbei, es dämmert, dass mit meinem Flügel kaum jemand etwas anfangen kann. Ich persönlich schon. Aber wer weiß denn, dass so ein großen Gerät noch zu anderen Dingen taugt als zum Abstellen von Biergläsern. Oder Kaffeetassen. Viele haben schon erfahren, dass man an einem Ende eine Klappe öffnen kann, wodurch eine Serie von schwarzen und weißen Hebeln sichtbar wird. Damit kann man Töne machen.

Das kann aber nicht der Zweck eines Flügels sein, denn sobald man dies tut (pling pling), kommt jemand. Und sagt: Wieso ist der Flügel wieder mal nicht abgeschlossen?

Pling pling nur, wenn man Klavierspielen gelernt hat. Aber dafür bräuchte man mehr Lehrer, Musiklehrer vielleicht sogar. Die können wir nur leider nicht bieten. Unser Studiengang ist zu klein. Und die Gelder zu gering bemessen. Also doch lieber: Flügel abschließen, damit keiner erkennt, was man damit machen kann – man hat ja im vorletzten Jahrhundert gesehen, wo es hinführt, wenn viele Leute Musik machen. Neben dem Singen und Musizieren haben sie Lesen und Schreiben gelernt. Ja ja, richtig, das führte zur Sozialdemokratie, zur bürgerlichen Gerichtsbarkeit, zu den Sozialgesetzen, zur Hilfe für diejenigen, denen sonst nicht so viel geholfen wird.

Dagegen muss man einschreiten, denn solche Leute lesen auch etwas über Banken, z. B: Griechenlandartikel im Wirtschaftsteil. Und man erkennt, dass es garnicht die faulen und verschwenderischen Griechen sind, die die Krise verursachen. Jaja, Sirtaki, literweise Wein und einfach in der Sonne herumliegen.

Nein, es ist ganz anders. Die Krise wird von Managern gemacht, die wahrscheinlich nie in die Sonne kommen, Sirtaki als eine Art von englische´n Adelstitel ansehen und Wein höchsten in 0,2 Gläsern eingeschenkt bekommen.

Man kann sehr einfach lesen, wieso diese Menschen staatsschädigend und gesellschaftsfeindlich handeln. Diese Menschen verwalten das Geld, dass die anderen Menschen freiwillig von ihrem Lohn abgeben – um die Firma zu retten, um den Staat zu retten und auch um ihr eigenes Leben zu retten (entweder Sie verzichten auf das Weihnachtsgeld oder Gute Nacht für Ihren Job).

Würde man alles lesen, was die Finanzpolitiker so machen, würde man eine Glatze und graue Haare bekommen.

Besser also wenn man nicht lesen lernt. Oder wenn man wenigstens nichts versteht, wenn man trotzdem liest. Das ist ja immerhin schon weiträumig der Fall, wie man aus den PISA-Studien erkennen kann.

Um den Status zu halten, handeln Bildungspolitiker nachhaltig: Die Gesundheitsreform hat die Zuschüsse für Brillen gestrichen. Die Förder­möglichkeiten für Menschen, die spät auf die Idee kommen, noch mehr lernen zu wollen, wird auf das 31. Lebensjahr begrenzt. Man schließt Behinderte aus, indem man sie einschließt (Inklusion). Man schließt die Hauptschulen, weil sie zu teuer sind.

Das ist nicht nur klug, sondern sogar nachhaltig (wie Frau Schavan fordert), denn wo einmal eine Schule geschlossen wird, kommt so schnell keine neue hin. Auch wenn Abschließen pädagogisch nicht sinnvoll ist.

(Hoppla, abschießen, da habe ich doch gerade fast das „L“ vergessen. Abschießen, ja das ist ein neuer ehrenwerter Beruf, nachdem die Bundeswehr still und ohne demokratischen Widerstand zu einem Berufsheer gemacht wurde.)

Zum Glück gibt es noch andere Schlüsse, Beschlüsse: Man ersetzt mangelnden Unterricht einfach durch schärfere Prüfungen. Die Wirtschaft braucht ja eh nicht alle – also Abschlussprüfungen verschärfen, damit man wenigstens weiß, wo die Guten und die Schlechten sind. Und dann aufteilen: Die Guten in die Wirtschaft, die Schlechten ins Hartz IV.

Und die in der Mitte machen wir zu Lehrern und Lehrerinnen. Die haben dann immer noch die Aufstiegsmöglichkeit zum Bundespräsidenten.

Denn so ungerecht ist unser Bildungssystem ja auch wieder nicht. In einem Leserbrief der ZEIT hat sich jemand zu Wort gemeldet. Er meinte, dass es alles zu kritisch gesehen wird. Wenn zum Beispiel ein Deutscher und ein Türke in einem Stadtteil mit sozial unausgewogener Bevölkerung zur Schule gehen, dann wird der Türke keineswegs dem Deutschen gegenüber benachteiligt.

Im Gegenteil, er wird auch noch gefördert!

Eigentlich möchte ich aber den Bildungsfachleuten unter den Politikerinnen einen bahnbrechenden und neuen Vorschlag machen: Sie sollten doch einfach wieder Schule und Universität so ausstatten, wie es war, als ich studiert habe (1968 bis 72): Das wären nach groben Schätzungen ungefähr eineinhalb mal so viele Lehrern und Lehrerinnen wie jetzt. Oder man stattet die Schulen und Universitäten wieder mit so viel Geld aus wie 1995. Das wären ungefähr 300 % der Gelder, die zur Zeit für Bildung ausgegeben werden.

Und das wären ungefähr 1 % der Gelder, die die Bundesregierung derzeit in die Rettung von Banken und in die Verbesserung der Ertragslage von Energiekonzernen steckt. Stellt Euch das mal vor: Man bräuchte die Griechenland-Kredite nur um ein Prozent zu  erhöhen und schon würde ein Ruck durchs Land gehen. Mehr Lehrer, schöne Schulen, neue Schulbücher…

Das verleiht Flügel.

Und mein Yamaha bleibt da, wo ich ihn haben möchte: Unter meinen  Fingern.

 

Hier kurz die wichtigen Links, falls jemand noch  eine Idee hat:

bildungsideen@land-der-ideen.de<mailto:bildungsideen@land-der-ideen.de>

Web: www.bildungsideen.de<http://www.bildungsideen.de>